Schämt Euch!

Vor ein paar Wochen noch, haben die Medien die drei berüchtigten Interviews von Friedrich Merz voll ausgekostet und die Entwicklung des 27.10.2020 versucht aufzuzeigen. Er wurde, den Medien nach, an diesem Tag von Interview zu Interview immer krawalliger. Ja, es war nicht zu übersehen Friedrich Merz war an diesen 27.10. stinksauer. Und er konnte es nicht verbergen. Alle um ihn herum, einschließlich der Medien, haben ihn als paranoid hingestellt. Seine Äußerungen, dass das Establishment der CDU ihn um jeden Preis verhindern wolle, entbehrte für viele Journalisten, und Teile der ersten Reihe der CDU, jeglicher Grundlage. Es wurde eher als eingeschnapptes Gefrotzel eines frustrierten Mannes, der im Zuge der Pandemie seine Felle davon schwimmen sah, abgetan. Das hätte auch so sein können. Aber war er paranoid oder hat er einfach dieses abgekartete Spiel erkannt und seinem (berechtigten) Frust Luft gemacht?

 

Zu Allererst; ich unterstelle hier niemandem in der CDU etwas illegales getan zu haben. Ich gehe nicht von einem Wahlbetrug aus oder denke, dass an den Zahlen irgendwie manipuliert wurde. Das wäre etwas, was die CDU auf Dauer nicht geheim halten könnte und wäre für die CDU mehr als ein Disaster. Aber, das heisst noch lange nicht, dass das was hier abgelaufen ist, guter Stil war. Dieses Bild der ehrenwerten Gentlemen, das hier transportiert werden sollte, hat für mich am heutigen Tag viele Kratzer bekommen. Würde man die Interviews von Friedrich Merz vom 27.10.2020 heute zum ersten Mal sehen, hätten seine Anschuldigungen einen ganz anderen Kontext. Da ich den Parteitag bis zur Wahl Live gesehen habe, habe hierzu auch ein paar Eindrücke.

 

Laschet

Die Rede von Armin Laschet, wurde von den Medienvertretern als sehr emotional empfunden. Ich fand diese Rede extrem fade. Diese holzige Art um das Pult herumzugehen, dabei noch irgendwie hängenzubleiben, um sich dann sehr ungelenk auf dem Pult aufzustützen, hat bei mir keinen Eindruck von "Coolness" hinterlassen, sondern sah extrem einstudiert und unnatürlich aus. Selbst wenn man ihm eine Fonzarelli-Schmalzlocke frisiert und ihn in eine Lederjacke gesteckt hätte; es hätte nicht gekünstelter sein können. Armin Laschet ist einfach nicht lässig und nicht cool. Und diese ach so emotionale Geschichte über seinen Vater, klang als hätten sie die, seit 30 Jahren arbeitslosen, Drehbuchschreiber der Schwarzwaldklinik geschrieben. Da ist regelrecht das Schmalz rausgetropft. Die Worte seines Vaters fand ich jetzt auch nicht aussergewöhnlicher als das was Millionen Väter täglich ihren Söhnen mit auf den Weg geben. Die einzige Information die ich aus dieser Rede ziehen konnte, war: Er ist Armin Laschet und darauf können wir uns verlassen, sein Vater lebt noch, und er ist stolz auf ihn. Was Armin Laschet damit so besonders machen soll, verstehe ich daran leider nicht.

 

Röttgen

Als Röttgen ans Rednerpult ging, merkte man ihm seine Nervosität extrem an. Es war anfangs etwas fahrig und blutleer, aber hatte sich relativ schnell gefangen und dann eine inhaltlich potente Rede gehalten, die ihn klar als Politiker mit Erfahrung auf dem Weltparkett zeigte. Sicherlich war sie thematisch etwas weit gefächert und er hat versucht möglichst viele Felder aufzugreifen. Die Pressevertreter fanden das aber nicht gezielt und fokussiert genug. Aber ich sage, wenn man sich unsere Welt ansieht, dann brennt es überall und ein "Einschiessen" auf ein einzelnes Thema wäre ein Präsentieren an der Realität vorbei. Im Gegensatz zu Armin Laschet, war hier aber ganz klar zu erkennen wofür Norbert Röttgen steht und was man von ihm erwarten darf. Alles in allem nicht die grandioseste oder rhetorisch ausgefeilteste Rede die ich je gesehen hatte, aber ich empfand sie als sehr aufrichtig.

 

Merz

Wer Merz noch aus den Zeiten kennt als er den Fraktionsvorsitz hatte, weiß wie er ist. Wo Merz draufsteht ist auch Merz drin. Auch seine Rede war zu Beginn etwas schwächer, nahm aber auch schnell Fahrt auf. Auch er hat keine konstruiert-emotionale Art, sondern ist eher krawalliger, aber trotzdem stets sachlich. Auch in seiner Rede war klar erkennbar wo seine Ziele liegen und man bekam ein Gefühl dafür in welche Richtung die CDU mit ihm gehen würde. Die Journalisten empfanden seine Rede allerdings als eine seiner schwächeren. Naja, jeder sieht halt das was er sehen will.

 

Nach den Reden wollte man in eine Fragerunde gehen. Diese allerdings eine Fragerunde zu nennen war schon ziemlich lächerlich. Das allererste Mitglied das seine Frage hätte stellen dürfen, trug wegen einer Panne erstmal zur Belustigung bei. Dann kamen tatsächlich vier Fragen zustande die von den Kandidaten auch beantwortet wurden. Da war allerdings nichts wirklich Neues oder inhaltlich interessantes dabei. Dann kam plötzlich die Ankündigung, dass nun Jens Spahn eine Frage stellen würde. Mein erster Gedanke war, dass hier heute 1000 Delegierte zugeschaltet sind, die zum größten Teil keiner kennt. Diese kämen jetzt endlich mal dazu ihre Frage zu stellen. Und dann verplempern die Organisatoren einen der wenigen Plätze für jemanden der sowieso aktuell genügend Sendezeit bekommt. Nun gut, soll er halt auch eine Frage stellen. Aber, er hatte zu Beginn gleich gesagt, dass er eben keine Frage hätte sondern eine Antwort geben wolle. Und dann begann ein einminütiger Lobgesang auf Armin Laschet der so ziemlich jeden Zuschauer hochgradig irritiert haben dürfte. Ich dachte zu Beginn noch, dass es eventuell so vorgesehen wäre, dass zwischen den Fragen für jeden der Kandidaten ein prominenter Fürsprecher einen Einminüter halten würde. Aber Fehlanzeige! Danach war die Fragerunde beendet. Das kann einem doch keiner erklären, warum der Wunschkandidat der Kanzlerin und des Establishments einen Fürsprecher bekommt und die anderen nicht. Wenn die beiden im Team antreten wollten, dann hätten sie auch beide auf dem Podium stehen müssen.

Innerhalb weniger Minuten nach Spahns Lobhudelei brach in der Kommentarspalte bei Welt Online ein regelrechter Shitstorm los. Alle waren entrüstet und es gab kaum einen Kommentar, der dies nicht mehr als deutlich zum Ausdruck gebracht hatte. Für alle war es zu offensichtlich, dass die anderen beiden Kandidaten unbedingt schlechter abschneiden sollten. Dass Spahns Redebeitrag nicht das Normalste der Welt sein kann, scheint auch auch Armin Laschet gemerkt zu haben. Über den gesamten Vortrag hinweg hielt Laschet sein Haupt gesenkt und wagte nicht hochzublicken. Das war Fremdschämen in Reinkultur. Es bleibt fraglich ob speziell er eingeweiht war. Ich nehme an er wusste es nicht, denn nur das würde seine unübersehbare Reaktion erklären. Ich denke er hatte schon erwartet, dass seine Felle davonschwimmen. Aber es braucht uns Bürgern keiner erzählen, dass Spahns Beitrag kein abgekartetes Spiel war. Ein Kontrollfreak wie Paul Ziemiak, der auch keine Gelegenheit ausließ im Vorfeld zu erwähnen wie mustergültig dieser durchorganisierte Parteitag sein würde, muss erst gar nicht versuchen uns weiß zu machen, dass dies ein Versehen war. Es wäre unglaubwürdig zu behaupten, dass keiner bescheid wusste, dass Spahn sich ohne das Wissen anderer heimlich einschalten ließ.

 

Wie dem auch sei: Ein super eindeutiges Ergebnis, in dem Laschet Merz um Längen schlagen konnte, hat er damit nicht eingefahren. Und Spahns skandalöser Lobgesang, wird früher oder später auf ihn abfärben, dass wusste Laschet schon als Spahn noch mitten in seiner Ode war. Der gesenkte Kopf sprach mehr als tausend Worte.

 

Die Journalisten werden am heutigen Tage nicht müde, von einem Sieger und drei Verlierern zu sprechen. Das stimmt für mich aber nur bei Friedrich Merz und Jens Spahn. Denn Spahn wurde für sein skandalöses Verhalten direkt abgewatscht und fuhr zur Wahl zum Vize gleich ein extrem schwaches Ergebnis ein. Ein klarer Fall von Instant-Karma. Bei Laschet von einem Sieger zu sprechen ist voreilig. Ich bezeichne ihn als Sieger auf Zeit. Dies war nur die erste Etappe von Vielen. Und vermutlich nicht die Schwerste.

Bei Röttgen muss man bitte die Fakten betrachten: Ihm ging es doch in Wahrheit nie um den Parteivorsitz. Er wusste, dass er diesen, so lange politisch gesehen Blut durch die Adern von Angela Merkel fliesst, nicht gewinnen kann. Dewegen ging es ihm auch nicht um den Sieg sondern um den Wahlkamp selbst. Sein Plan war nur diese Platform zu nutzen um sich für höhere Ämter zu empfehlen. Er wusste, alles was Angela Merkel gegen ihn unternehmen kann, ist, zu verhindern das er den Parteivorsitz gewinnt. Aber wenn er bereits in seinem Wahlkampf brillieren und damit überraschen könnte, würde jeder dies wahrnehmen. Und das gepaart mit gestiegenen Umfragewerten ist politisches Gold. Und dies konnte Merkel mit keiner Tat der Welt verhindern. Und so ist sein Plan aufgegangen und er schlussendlich, an seiner Erzrivalin vorbei, in der Parteispitze angekommen. Ihm stünde im Falle eines Wahlsiegs der CDU eventuell sogar das Aussenministerium offen um endlich einen glanzlosen Heiko Maas abzulösen. Das wäre auch eine letzte klare Ansage in Richtung Merkel, im Sinne von "Wer zu letzt lacht, lacht am besten". Er hat heute alles, was für ihn möglich und vorgesehen war, abgeräumt. Deswegen hatte er auch in keinster Weise geknickt oder vergrätzt gewirkt. Er hat mit relativ guter Laune Armin Laschet seine Unterstützung zugesagt. Denn auch dieser letzte staatsmännische Zug war Teil des Plans. Insofern, Röttgen als Verlierer einzustufen ist eine klare Fehlinterpretation durch die deutsche Presse. Wenn man es noch genauer betrachtet wird klar, dass gerade er tatsächlich das Zeug zum Kanzler gehabt hätte!

 

Trotz des gewonnenen Parteivorsitzes werden wir erleben, dass Laschet ein ähnlich steiniger Weg bevorsteht wie AKK. Ob er ihn bis zum Ende gehen kann, ist noch nicht raus. Wir werden sehen wie die Stühle gerückt werden, sollte "Der Margus" in einem Anfall von Selbstüberschätzung seinen Hut in den Ring werfen. Auf diesen Showdown freue ich mich jetzt schon. Das Bier ist bereits kalt gestellt. Für Deutschland und Europa ist die heutige Wahl allerdings tragisch; ja, noch tragischer als für die CDU oder Laschet.

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