Happy Randgrupping!

Es ist ein Wahnsinn wie sehr wir momentan von Randgruppen vor uns her getrieben werden. Jeder der heute etwas auf sich hält versucht mit aller Gewalt aus der Mehrheit auszubrechen und glaubt seiner Individualität mehr Nachdruck zu verleihen in dem er sich als Teil einer Randgruppe versteht. So wird aber im Kollektiv der Gaul von hinten aufgezäumt.

 

Dabei stellt sich grundsätzlich als allererstes schon mal die Frage über was ich mich definiere? Vermeintliche "Randgruppen" gibt es ja wirklich viele: LGBTQ, Migranten, Veganer, Tierschützer, Behinderte ja sogar manche Frauen sehen sich als Randgruppe. Aber die Frage ist, ab wann bin ich ein Einzelfall und ab wann bin ich in einer Randgruppe, und welches meiner Attribute nehme ich dafür her. Ich z. B. bin mit 1,56m relativ klein, habe einen Bauch und eine Glatze. Jetzt frage ich Sie, zu welcher Randgruppe gehöre ich? Zu den Dicken, den Kleinen oder den Glatzköpfen? Diskriminiert werden könnte ich wegen jedem dieser Attribute. Ich könnte mich natürlich einer Vereinigung für Übergewichtige anschließen und mich dort stark engagieren. Das würde für mich aber vielleicht zum Problem werden wenn ich feststellen würde, dass ich wegen meiner Größe diskriminiert würde und sich meine Übergewichts-Community dafür nicht interessiert, weil es nicht ihr Thema ist. Natürlich könnte ich dann auch noch in eine Community für kleine Menschen gehen und dann wiederum darauf warten, dass ich wegen meiner Glatze blöde Sprüche zu hören bekomme. Sicher fände ich noch einen Verein für Glatzköpfe um mich auch dort zu organisieren. Dann wäre ich in drei Randgruppen verräumt und hätte meine "Identität", so wie es der Zeitgeist von mir verlangt. Was wir damit aber erreichen, ist, dass wir, anstatt untereinander Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, um in der Mehrheit stark zu sein, eher die Unterschiede unterstreichen und uns voneinader entfernen. Wieso bitte, weist man auf Unterschiede explizit hin wenn man zeigen will, dass wir alle gleich sind? Das ist doch absurd.

 

Ich bleibe mal bei meiner Person: Tatsache ist, dass ich entgegen der Annahme genau bei meinen drei aufgezählten Attributen keinerlei Probleme mit meinen Mitmenschen habe. Das mag zum Einen sicher daran liegen, dass ich der Meinung bin, dass man es auch aushalten muss von Zeit zu Zeit das "Objekt" eines Witzes zu sein. Das wird auch jedem von uns hin und wieder passieren. Meine Theorie geht aber in eine ganz andere Richtung: Ich glaube, dass es primär darum geht wie mich Leute wahrnehmen. Ich bin nämlich ein ganzes Stück weit selbst dafür verantwortlich wofür meine Person steht. Ich selbst habe es in der Hand über was mich die Leute definieren. Da ich weder meine Größe noch meinen Bauch noch meine Glatze zum Thema mache, und ich darüberhinaus genügend Themen habe denen ich in Gesprächen Platz einräume, haben meine drei Attribute keinen Stellenwert in meinem Leben. Da gibt es viel interessantere Aspekte z. B. meine Familie, meinen Humor, meinen Beruf, meine Musik, mein Buch und diesen Blog, und mein selbstgebautes Wohnmobil. Das sind genau die Dinge die in meinem Leben auch für meine Mitmenschen ständig präsent sind und die meine Größe, meinen Bauch und meine Glatze komplett in den Hintergrund drängen. Wenn mich jemand beschreiben würde, dann würde er sicher sagen "Der Autor", "Der Musiker", "Der Kameramann" oder "Der Wohnmobil-Selbstausbauer". Wäre ich aber in einer Community für Dicke engagiert und dieses Thema würde meine freie Zeit bestimmen, dann wäre dies sicher auch mein primäres Gesprächsthema und das wäre das Erste was den Leuten einfiele wenn sie an mich denken. Dann wäre mein Hauptattribut sicher mein Übergewicht und dann wäre ich sicher "Der Dicke". Wenn ich also nicht "Der Dicke", "Der Kleine" oder "Der Glatzkopf" sein will, muss ich der Gesellschaft einfach etwas mehr anbieten als nur das. So tiefgehend wollen sich viele unserer Mitmenschen aber nicht hinterfagen. Keiner gesteht sich gerne ein, dass es ihm vielleicht doch an inhaltlicher Substanz für eine positivere Identifikation mangelt. Die Schuld bei der Gesellschaft zu suchen ist viel praktischer, vor allem wenn es durch die Wortführer der jeweiligen Minderheit legitimiert ist.

 

Ich könnte jetzt eine hypothetische Gruppe von Menschen in einem Raum zusammenbringen. Da wäre eine Frau, ein Homosexueller, ein Behinderter, ein Migrant und einige Angehörige weiterer "Randgruppen". Nun würde ich allen folgende Fragen stellen: Musst du arbeiten um deinen Lebensunterhalt zu bestreiten? Musst du Steuern zahlen? Wenn du abends müde bist, gehst du dann schlafen? Wenn du Hunger hast, isst du dann etwas? Wenn du Durst hast, trinkst du? Kannst du jetzt adhoc aufhören zu atmen? Wenn du dir mit dem Hammer auf den Daumen schlägst, tut es dir weh? Gehst du nackt auf die Straße? Fährst du ein Auto? Hörst du gerne Musik? Magst du die Sonne? Etc. etc. etc. Alles Dinge, auf die jeder in diesem Raum mit "Ja" antworten könnte. Wir alle müssen schlafen, essen, trinken, verspüren Schmerz. Wir tragen Kleidung, hören unsere Lieblingsmusik und genießen die Sonne auf unserer Haut, egal ob wir klein, dick oder schwul sind, im Rollstuhl sitzen oder aus einem anderen Land kommen. Alles Dinge die jeder dieser Personen klarmachen sollten: Du musst dich in keiner Minderheit zusammenrotten um zugeghörig zu sein, denn du bist schon ein Teil der Mehrheit! Diese Gemeinsamkeiten sind mittlerweile nur zu selbstverständlich, dass sie keiner mehr wahrnimmt. Sie sind nicht interessant und hip genug, dennoch verbinden sie uns auf fundamentale Weise! Trotzdem schaffen es die Wortführer von Minderheiten in fast schon religiöser Weise ihre "Mitglieder" zu rekrutieren, nur weil sie in einem einzigen Aspekt ihres Lebens anders sind als ihre Mitmenschen. Wobei sich mir die Frage stellt, ob hier lediglich die Speerspitze dieser Vereinigungen eine gewisse Befriedigung erfährt und dem Rest der "Community" ein Bärendienst erweisen wird. Nur weil jemand Homosexuell ist, soll er sich plötzlich komplett in eine Randgruppe einordnen und man macht ihm weiß er wäre total anders als die Mehrheit. Hingegen die Gemeinsamkeiten die wir Menschen haben, werden komplett ausgeblendet und ignoriert. Anstatt zu erreichen, dass die Homosexualität einer Person zu etwas Mondänem und Irrelevantem wird, wird durch die Fokussierung auf seine sexuelle Orientierung diese plötzlich zum zentralen Punkt seines Daseins definiert. Wenn das der richtige Weg sein soll, darf er sich aber auch nicht wundern wenn dies nun alles ist wofür er in den Augen der Mitmenschen steht und sein Umfeld sich nur daran aufhängen kann. Darüber wird er dann auch logischerweise definiert. Es gibt sicher auch genügend Homosexuelle, deren Sexualität nur ein kleiner Teilaspekt ihres Lebens und nicht das Erste ist, was es an dieser Person wahrzunehmen gibt.

 

Es gibt in meinen Augen keinen Grund sich einer Randgruppe anzuschließen. Wir haben einen ultimativen Satz im Grundgesetz stehen, der alle spezifischen Forderungen von Homosexuellen, Migranten, Frauen usw. obsolet macht weil er auch sie inkludiert: Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Das ist der Schlüsselsatz. Alles was Randgruppen in ihrem Leben an Ungerechtigkeit und Diskriminierung glauben zu erfahren ist per Defintion durch diesen Satz abgedeckt. Wir dürfen von diesem Satz nur nicht erwarten, dass einige unserer Mitmenschen plötzlich "gleicher" sind als andere. Nicht bei allem wo Diskriminierung draufsteht ist auch wirklich Diskriminierung drin. Der oben genannte Passus aus dem Grundgesetz sagt uns ganz klar, dass alle Menschen den gleichen Respekt, das gleiche Gefühl von Sicherheit verdienen und die gleichen Rechte haben. Das bedeutet aber nicht, das Randgruppen jetzt plötzlich mehr Aufmerksamkeit zusteht als der Mehrheit. Anstatt an einzelnen Frauenquoten und Adoptionsrechten für Homosexuelle herumzudoktern, um diese auch noch in das Gesetz aufzunehmen, wäre eine viel bessere Herangehensweise zu hinterfragen, wie es mit dem aktuellen Grundgesetz vereinbar ist, dass sie das nicht schon längst können? Auch könnte man sich fragen wie Gewerkschaften Tarifverträge aushandeln können in denen Frauen weniger verdienen als Männer, und ob diese nicht automatisch per Grundgesetz für ungültig erklärt werden müssten? Auch müsste man, anstatt es Homosexuellen per neuem Gesetz zu ermöglichen Blut spenden zu dürfen, lieber hinterfragen ob es bei aktueller Gesetzeslage überhaupt rechtens war, es ihnen je verweigert zu haben – alle Menschen sind gleich, erinnere man sich, warum sollte das beim Blutspenden plötzlich anders sein dürfen. Mir ist klar, dass Letzteres so gehandhabt wurde, weil man hier befürchtet hatte, viele Blutspenden mit HIV-Infizierung in Umlauf zu bringen. Da stellt sich aber die Frage ob es grundsätzlich nicht sinnvoll gewesen wäre, die Blutspenden aller Spender einer flächendeckenden Testung zu unterziehen. Immerhin könnte eine HIV-Infizierung auch durch die Blutspende einer heterosexuellen Person erfolgen.

 

Ich gebe den Aktvisten insoweit Recht, dass wir mit der Vielzahl an Randgruppen und deren "Lobbyarbeit" in der Tat eine gesteigerte Aufmerksamkeit für Randthemen erreichen. Was diese Minderheiten dabei aber nicht bedenken ist, welcher Effekt durch die gesteigerte Aufmerksamkeit beim Bürger entsteht – reagiert dieser positiv oder gar negativ? Da ich ein Freund davon bin die richtigen Fragen zu stellen, frage ich mich, ob die permanente Bespielung aller Kanäle durch Interessengruppen etwas ist, was bei der Mehrheit auf einen offenen Kanal trifft oder sie eher nervt? Will denn der Bürger permanent von einem vermeintlich moralisch überlegenen Standpunkt in die Pflicht genommen werden, und dies von Menschen, die sich selbst bewusst von der Mehrheit lossagen um die Welt um ihr persönliches zentrales Problem herumzubauen? Ich kämpfe gerne für jeden, aber nur wenn für ihn unsere Gemeinsamkeiten schwerer wiegen als die Unterschiede. Denn wenn für ihn die Unterschiede alles sind was zählt, dann dann werden wir auch nach der Lösung spezifischer Probleme keine Basis haben um als Gesellschaft wieder zusammenzufinden. Ein Kreis kann nur einen Mittelpunkt haben. Würden wir allen Randgruppen und deren Forderungen zu 100% unserer Zeit und Hingabe widmen, gäbe es für jede Randgruppe einen eigenen Mittelpunkt. Das würde uns wahrlich ins Chaos stürzen.

 

Die Gesellschaft in tausende Randgruppen zu zersplittern hilft uns nicht auf die Bedürfnisse aller Menschen einzugehen. Wenn unsere Gesellschaft eine Vase wäre, dann wäre sie primär in sich als Objekt erstmal identifizierbar. Abgesehen davon, dass sie als Vase eine Funktion hat die sie wahrnehmen kann, ist sie auch greifbar, ja sogar begreifbar. Wenn ich sie aber fallen lasse und sie in tausend Scherben zerbricht, kann ich weder erkennen was es mal war, noch hat sie dann noch eine Funktion inne. Dann ist es keine Vase mehr, sondern nur noch ein Haufen Scherben. So lange wir nur wenige Splitter in unserer Vase haben können wir die Form noch erkennen und sie nach allen Regeln des Kentsugi mühevoll wieder zusammen kleben. Wenn sie in tausende Scherben zerbrochen ist, dann können wir weder erkennen was es einmal war, noch wird es in irgendeiner Form zu retten sein. Dann sind wir schlicht keine Gesellschaft mehr.

 

Raus aus der Randgruppe, zurück in die Mehrheit!

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